Rohstoffexperten der anderen Art
Seit 10 Jahren gibt es in der Schweiz den Beruf des Recyclisten. Eine neue Bildungsverordnung macht ihn jetzt noch anspruchsvoller und vielseitiger – der Start erfolgte am 1. Januar 2011.
Mit steigenden Rohstoffpreisen und erhöhtem Umweltbewusstsein kommt der Wiederverwertung von Altmaterial immer grössere Bedeutung zu. Um den wachsenden Anforderungen an Materialkenntnis gerecht zu werden, die für die Arbeit in einem Recyclingbetrieb nötig sind, wurde vor zehn Jahren der Beruf «Recyclist/in EFZ» geschaffen. Recyclistinnen und Recyclisten arbeiten in Recycling- bzw. Entsorgungsbetrieben. Mögliche Einsatzgebiete sind auch Entsorgungsstellen von Gemeinden. Recyclistinnen und Recyclisten üben ihren Beruf in überdachten Hallen und im Freien aus. Ab und zu arbeiten sie auf externen Abfallstellen oder sind für Demontagen unterwegs. Recyclistinnen und Recyclisten sind die Fachleute, die in Recycling-Betrieben Altmaterial sammeln, sortieren, nach Bestandteilen trennen, aufbereiten und für die Wiederverwertung bereitstellen. Nicht verwertbare Stoffe führen sie der umweltverträglichen Entsorgung zu. Mit ihrer Arbeit tragen sie dazu bei, dass gebrauchtes Material möglichst oft wiederverwendet werden kann. Das schont die beschränkten Ressourcen unserer Erde.
Tätigkeitsbeschrieb
Recyclistinnen und Recyclisten kennen sich aus mit den Materialien, die sich zur Wiederverwertung eignen. Sie unterscheiden zum Beispiel zahlreiche Kupferqualitäten, zwischen Eisen- und Nichteisenmetallen sowie zwischen holzstoffartigem und nassfestem Papier. Die Altstoffe werden per Lastwagen angeliefert oder durch den Recycling-Betrieb abgeholt: Bauschutt, Altmetall oder Alteisen. Privatpersonen und Unternehmen bringen auch Sperrgut, Elektronikschrott, Kabel, Papier, Karton, Batterien, Altöl, Kunststoffe und vieles mehr. Bei der Annahme von Altstoffen entscheiden Recyclistinnen und Recyclisten, wo sie zwischengelagert werden. Mit Stapler, Kleinbagger und Kran befördern sie das Material ins richtige Lagerabteil. Das Gewicht und die Art des angelieferten Materials halten sie schriftlich fest. Die Wertstoffe werden nach Qualität sortiert und bei Bedarf gereinigt. Die Aufbereitung der Wertstoffe ist wichtig, da sie später in spezialisierten Betrieben, zum Beispiel in Giessereien, zu neuen Produkten verarbeitet werden. Recyclistinnen und Recyclisten zerkleinern zu grosse oder zu schwere Teile. Dazu setzen sie verschiedene Werkzeuge und Maschinen ein: Trennscheiben, hydraulische Schneidegeräte, elektrische Plasmaschneidbrenner und Schredderanlagen. Das Granulat trennen Recyclistinnen und Recyclisten mit Hilfe von Siebtrommeln, Magnetanlagen oder Turborotoren in brauchbares und unbrauchbares Material. Recyclistinnen und Recyclisten wissen, welche Schadstoffe die Umwelt gefährden und wie damit umzugehen ist. Sie sondern allfällige Schadstoffe aus und führen sie der umweltgerechten Entsorgung zu. Die Arbeit in der hektischen und lärmigen Umgebung ist mit Gefahren verbunden. Recyclistinnen und Recyclisten halten sich deshalb streng an die Vorschriften zu Arbeitssicherheit und Unfallverhütung.
Neue Bildungsverordnung
Im Zuge der Berufsbildungsreform des Bundes wurde das Berufsbild jetzt noch einmal überarbeitet und breiter abgestützt. Kunststoffe, Bauschutt oder Elektronikschrott wurden unter anderem neu in das zuvor eher metalllastige Ausbildungsprogramm integriert. Zuständig für die Berufslehre ist der Verein Recycling-Ausbildung Schweiz (R-Suisse), dem alle grossen Branchenverbände angehören. Nach anfänglichen Unsicherheiten ist mittlerweile auch die finanzielle Zukunft der Berufsausbildung gesichert und die neue Ausbildung kann wie geplant im August 2011 starten – auch dank einer Finanzspritze von Swiss Recycling, der grössten Recycling-Dachorganisation der Schweiz. «Die zusätzlichen Mittel dienen dem Aufbau tragfähiger Strukturen», sagt Isabelle Marthaler, Geschäftsführerin von Swiss Recycling, «denn es darf nicht sein, dass eine zukunftsorientierte Ausbildung an den Finanzen scheitert. (Quelle: Swiss Recycling)
Interview mit Armin Mühle / HS Mühle Recycling AG in 8412 Riet
Armin Mühle, wie lange existiert Ihre Firma Hs. Mühle Recycling AG bereits?
Hans Mühle gründete 1960 die Recycling-Firma.
Wie kam es damals zur Firmengründung?
Ursprünglich betrieb mein Vater eine Reparaturwerkstatt für Autos, Lastwagen und Baumaschinen. Weil Ersatzteile damals schwierig zu beschaffen waren, legte er sich ein Depot mit alten Karossen / Chassis an. Diesen entnahm er dann die benötigten Teile für die Reparaturen der Kundenfahrzeuge.
Eine Krise damals verursachte bei seinen Kunden Zahlungsschwierigkeiten. Dies war der Anstoss zum Umsatteln. Der Schrott war ja schon auf dem Hof in Form der gelagerten Karossen und es lag somit nahe, in den Schrott- und Altstoffhandel einzusteigen.
Inwiefern waren Sie von der Wirtschaftskrise betroffen?
Sehr stark. Die technische Entwicklung im Anlagenbau, in der Analyse, in Aufbereitungsverfahren wurde in der Branche stetig weiterentwickelt. Die Verarbeitungs-Kapazitäten der Maschinen und Einrichtungen und somit deren Effizienz liegen heute sehr hoch und sind auf Volllast ausgelegt. Deshalb liess der wirtschaftliche Einbruch 2008 bis 2009 die ganze Branche erschüttern. Die Abschreibungen auf den Lägern der Recycler waren enorm und mussten erst verdaut werden.
Wie ist die heutige, aktuelle Situation?
Gut! Die Auslastung im 2010 war sehr gut. Unsere Kunden haben wieder wacker Arbeit und produzieren somit eben auch die Abfälle mit denen wir uns beschäftigen.
Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
Ich war von Kindsbeinen an im Recycling-Betrieb meiner Eltern aufgewachsen. Somit lag es nahe zuerst einen handwerklichen Beruf zu erlernen (Automechaniker). Nach der Lehre war für mich klar, dass ich zuhause arbeiten wollte. Es war immer viel zu tun in der Firma und ich wollte mithelfen. Zwischen 1990 bis 1993 erwarb ich das kaufmännische Wissen via Handelsschule, dipl. Kaufmann zum Technischen Kaufmann mit eidg. Abschluss.
Was fasziniert Sie an Ihrer Tätigkeit?
Es ist spannend eine Unternehmung zu leiten. Aus all den unterschiedlichen Charakteren ein erfolgreiches Team zu formen und auch die Ausbildung der Lehrlinge ist anspruchsvoll aber auch eine grosse Freude für mich.
Wie sieht bei Ihnen ein durchschnittlicher Arbeitstag aus?
Ich starte meinen Tag immer mit einem Spaziergang mit unserer Schäferhündin. Gegen 06.30 Uhr schreibe ich die Fahrbefehle für die Chauffeure, überlege mir was ich mit dem Hallenchef, Metallchef, Reparateur und anderen Mitarbeitern und Lehrlingen zu besprechen habe – was steht an / was muss heute erledigt werden.
Danach bin ich im Büro, kümmere mich um alles, was pendent ist wie Offerten, Disposition, Besprechungen mit meinen Sekretärinnen etc. Gehe immer wieder auf einen Rundgang durch den Betrieb und bespreche verschiedene Angelegenheiten mit den Mitarbeitern. Gelegentlich bin ich bei Kunden, beispielsweise für die Erstellung von Demontageofferten (Abbrucharbeiten) oder wegen Entsorgungsanfragen ihrerseits. Als Chef ist man Troubleshooter, sucht Lösungen für defekte Anlagen oder Maschinen, Mitarbeiter die beispielsweise infolge Abwesenheit kurzfristig durch Andere ersetzt werden müssen etc. Bezeichnend für Chefs ist, dass sie alle Probleme, die auftauchen, lösen können und müssen. Ich kann nie sagen «keine Ahnung, ich weiss nicht». Ich muss einen gangbaren Weg aufzeigen den die Angestellten gehen können. Es ist sehr anspruchsvoll, aber mir gefällts. Ich kann mir nicht vorstellen für jemanden als Angestellter tätig zu sein. Ich glaube, ich hätte mit allen meinen Chefs Ärger, weil wir viele Dinge unterschiedlich betrachten würden.
Wie hat sich in den letzten Jahren Ihr berufliches Umfeld entwickelt?
Das Tempo nimmt stetig zu. Ich muss schneller Entscheidungen treffen als früher. Trotzdem kann ich mir grobe Fehler nicht erlauben, weil gewisse Entscheidungen substantielle Auswirkungen für die Unternehmung haben können. Die administrativen Belastungen in Form von Jahresberichten, Stoffflussnachweisen, Dokumentationen, Statistiken etc. für die verschiedensten Anspruchsgruppen werden immer grösser, bringen neben zusätzlichem Aufwand aber keinen Ertrag.
Mit welchen Veränderungen rechnen Sie in Zukunft?
Es kommen noch viele weitere auf Unternehmungen wie unsere zu. Ich werde sie aber alle meistern und unser Schiff auf Kurs halten.
Welche Veränderungen würden Sie sich wünschen?
Ausbildungsgutschriften für Lehrbetriebe, mehr Kunden die auf unsere Nachhaltigkeit Wert legen und diese honorieren, administrative Entlastungen für KMU’s, Gesetzesflut eindämmen, mehr Wertschätzung für Firmen die Lastwagen einsetzen müssen um die Allgemeinheit von Abfällen zu befreien, Gebühren senken anstelle dauernd zu erhöhen.
Was wird sich für Sie als Lehrbetrieb mit Einführung der neuen Bildungsverordnung verändern?
Die Lehre wird anspruchsvoller und bewegt sich weg vom unterschwelligen Berufsbild. Dies hat zur Folge, dass wir künftig den schulisch schwachen Interessenten für die Lehre zum Recyclist abraten müssen, weil sie in der Schule nicht mehr mitkommen werden. Welche Alternative können wir diesen jungen Leuten bieten? Demgegenüber wird die Ausbildung aber deutlich verbreitert, den Lehrlingen wird mehr vermittelt, die Ausbildung wird dadurch auch verbessert, es wird ein Mehrwert geschaffen dies ist als Vorteil zu nennen.
Interview mit Lorenz Schneider, Mitarbeiter der HS. Mühle Recycling AG
Lorenz Schneider, weshalb haben Sie den Beruf des Recyclisten gewählt?
Ich wollte zuerst einen naturbezogenen Beruf erlernen, dazu ist es dann indirekt mit der Ausbildung zum Recyclisten auch gekommen.
Gab es Alternativen?
Während der Schule habe ich zwei Schnupperlehren gemacht. Als Forstwart und als Recyclist. Durch meinen Vater bin ich dann zur Hs. Mühle Recycling AG in Riet gekommen.
Was waren die Reaktionen Ihrer Familie und Freunde zu Ihrer Berufswahl?
Recyclist ist ein Beruf, der noch nicht so bekannt ist. Ich musste darum immer wieder mal erklären worum es geht. Alle sind danach aber begeistert gewesen und haben mir zum Lehrvertrag gratuliert.
Was ist das Faszinierende an Ihrem Beruf?
Vieles! Der Umgang mit all den unterschiedlichen Materialien ist für mich spannend. In der Berufschule wird viel Hintergrundwissen über Entstehung, Gewinnung bis hin zur Wiederverwertung der Stoffe gelehrt. Umwelt und Natur sind ebenfalls interessante Fächer gewesen.
Beschreiben Sie bitte einen durchschnittlichen Arbeitstag.
Inbetriebnahme der Anlagen und Fahrzeuge mit den erforderlichen Kontrollen / Lagebesprechung mit dem Chef oder anderen Mitarbeitern / Warenumschlag mit Stapler, Waagscheine erstellen, Material sortieren, verarbeiten, lagern / Lieferanten bedienen. Gelegentlich Abbrucharbeiten extern bei Kunden.
Welche verschiedenen Materialen recyclieren Sie?
Buntmetalle, Stahlschrotte, Elektronikschrotte, Karton, Altholz, Bauschutt, Sperrgut, Pet, Kunststoffe, Fahrzeuge wie Baumaschinen/Lastwagen abbrechen.
Welches sind die Schwierigkeiten dabei? Welche Gefahren bestehen?
Im Umgang mit Anlagen wie Alligatorscheren, Paketierpressen, Kanalballenpressen, Stapler, Hallenkran und vielen Handwerksgeräten muss man immer wach sein und sich an die erhaltenen Ausbildungen und internen Richtlinien halten. Man muss Verantwortung für sich selber und aber auch für Kollegen übernehmen.
Sie haben Ihre Ausbildung vergangenen Sommer beendet. Sie sind seither als Festangestellter tätig. Inwiefern hat sich Ihre Arbeit seither verändert?
Die Arbeiten sind die Gleichen. Ich muss jetzt aber auf die Lehrlinge ein Auge werfen und ein gutes Beispiel sein.
Was möchten Sie in Zukunft in Ihrem Beruf erreichen?
Das schaue ich nach meiner Rekrutenschule genauer an.
Welche Aufstiegsmöglichkeiten gibt es?
Vorarbeiter, Gruppenleiter, Betriebsleiter, Lehrlingsverantwortlicher, Sicherheitsbeauftragter - ein bunter Strauss an Möglichkeiten.
Welches sind die Pro und Kontras Ihres Berufes?
Pro: draussen arbeiten, Umgang mit Kunden, abwechslungsreich, man kann sich «austoben». Kontra: Man wird dreckig, man muss körperlich fit sein, gesundheitliche Risiken (siehe oben).
hil

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